Verdrängungspipette vs. Luftverdrängungspipette: Was ist der Unterschied?
Wer regelmäßig mit Pipetten arbeitet, kennt das Problem: Viskose Flüssigkeiten, flüchtige Lösungsmittel oder Proben, bei denen eine Verunreinigung auf keinen Fall in den Pipettierkanal darf, lassen sich mit einer gewöhnlichen Luftverdrängungspipette nicht zuverlässig dosieren. Hier kommt die Verdrängungspipette ins Spiel — ein Pipettentyp, der für genau diese Fälle entwickelt wurde.
Dieser Beitrag erklärt, wie sich Verdrängungspipette vs. Luftverdrängungspipette im Grundprinzip unterscheiden, wann welcher Typ die bessere Wahl ist und welche führenden Hersteller verlässliche Lösungen für Forschungs-, QS- und Industrielabors anbieten.
Was ist eine Luftverdrängungspipette?
Die Luftverdrängungspipette ist das Standardgerät in den meisten Labors. Sie arbeitet mit einem Luftpolster zwischen Kolben und Flüssigkeit: Beim Betätigen des Kolbens wird Luft verdrängt, die dadurch entstehende Druckänderung saugt die Flüssigkeit in die aufgesetzte Spitze.
Das funktioniert für wässrige Proben und viele Standardlösungen zuverlässig gut. Das Luftpolster wirkt dabei als Puffer — es trennt die Mechanik der Pipette von der Probe.
Bekannte Geräte dieser Kategorie sind beispielsweise die Eppendorf Research® plus, die BRAND Transferpette® S sowie die Sartorius Biohit Proline®.
Was ist eine Verdrängungspipette — und wie funktioniert sie?
Die Verdrängungspipette, auch Positivverdrängungspipette oder Direktverdrängungspipette genannt, arbeitet ohne Luftpolster. Stattdessen berührt der Kolben die Flüssigkeit direkt. Der Kolben sitzt innerhalb der Spitze und drückt die Probe mechanisch aus — ähnlich wie eine Kolbenspritze.
Das Prinzip der Verdrängungspipette hat einen entscheidenden Vorteil: Da kein Luftpuffer zwischen Kolben und Probe vorhanden ist, spielt es keine Rolle, ob die Flüssigkeit viskos, flüchtig oder schäumend ist. Die Menge, die der Kolben verdrängt, entspricht exakt dem abgegebenen Volumen.
Jede Spitze enthält ihren eigenen Mikrokolben. Nach dem Pipettieren wird die gesamte Spitze inklusive Kolben entsorgt — das eliminiert das Risiko einer Kreuzkontamination und macht Dekontaminationsmaßnahmen zwischen den Abnahmen überflüssig.
Verdrängungspipette vs. Luftverdrängungspipette: Die wichtigsten Unterschiede
Der zentrale Unterschied liegt im Messprinzip:
Daraus ergeben sich folgende praktische Konsequenzen:
- Viskose Flüssigkeiten wie Glycerin, DMSO, PCR-Mastermix oder Silikonöl lassen sich mit der Verdrängungspipette präzise dosieren — mit der Luftverdrängungspipette entstehen hier systematische Fehler, weil das Luftpolster komprimiert wird und die Pipettiertechnik des Nutzers das Ergebnis beeinflusst.
- Flüchtige Lösungsmittel wie Ethanol, Aceton oder Chloroform verdampfen schnell und erzeugen in der Luftverdrängungspipette Überdrücke, die das Volumen verfälschen. Die Verdrängungspipette ist hier deutlich zuverlässiger.
- Kontaminationsempfindliche Proben: Das geschlossene Spitzen-Kolben-System verhindert, dass Aerosole oder flüchtige Substanzen in den Pipettierkanal gelangen. Das schützt sowohl die Probe als auch das Gerät.
- Schäumende Substanzen reagieren auf Druckschwankungen in der Luftverdrängungspipette empfindlich. Die Direktverdrängung vermeidet genau diese Schwankungen.
Wann ist die Verdrängungspipette die richtige Wahl?
Die Verdrängungspipette ist dann sinnvoll, wenn eine oder mehrere der folgenden Bedingungen zutreffen:
- Die Probe ist hochviskos oder enthält Partikel
- Das Lösungsmittel ist flüchtig oder aggressiv gegenüber Standardmaterialien
- Eine Kreuzkontamination zwischen Proben darf unter keinen Umständen stattfinden
- Sehr kleine Volumina müssen mit hoher Wiederholgenauigkeit pipettiert werden
- Die Probe schäumt oder erzeugt Aerosole
Typische Anwendungsgebiete der Verdrängungspipette: PCR-Vorbereitung, forensische Analytik, Arbeit mit radioaktiven oder infektiösen Proben, Dosierung von Lösungsmitteln in der chemischen Entwicklung sowie Qualitätssicherung in der Pharmaproduktion.
Wann bleibt die Luftverdrängungspipette die bessere Wahl?
Für die meisten Standardanwendungen mit wässrigen, nicht-aggressiven Proben ist die Luftverdrängungspipette nach wie vor das sinnvollere Werkzeug. Die Spitzen sind günstiger, die Geräte vielseitiger einsetzbar, und für gut eingespieltes Personal liefern sie reproduzierbare Ergebnisse.
Wichtig: Die Genauigkeit der Luftverdrängungspipette hängt stark von der Pipettiertechnik ab — Eintauchtiefe, Pipettierwinkel und die Temperatur der Flüssigkeit spielen eine echte Rolle. Bei der Verdrängungspipette fallen diese Faktoren weniger ins Gewicht, weil das Volumen rein mechanisch definiert ist.
Führende Hersteller und ihre Produktlinien
Für beide Pipettentypen gibt es bewährte Geräte führender Hersteller:
Eppendorf SE
- Luftverdrängungspipette: Research® plus und Xplorer® — weit verbreitet in Forschungs- und QS-Labors.
- Verdrängungspipette: Eppendorf Combitips® advanced mit Multipette® E3x — System für Seriendosierungen, auch für viskose und aggressive Medien geeignet.
BRAND GMBH + CO.KG
- Luftverdrängungspipette: Transferpette® S — in verschiedenen Volumenbereichen, einzeln oder als Mehrkanal-Ausführung.
- Verdrängungspipette: BRAND bietet Verdrängungspipetten-Spitzen im Sortiment, abgestimmt auf präzises Dosieren schwieriger Proben.
Sartorius Lab Instruments GmbH & Co. KG
Luftverdrängungspipette: Biohit Proline® Plus und Tacta® – ergonomisch konzipierte Pipetten für präzises und reproduzierbares Arbeiten in Forschungs-, Qualitätskontroll- und Routinelaboren.
Verdrängungspipette: mLINE® Dispenser mit kompatiblen Dispenser Tips – geeignet für die Dosierung viskoser, schäumender oder flüchtiger Flüssigkeiten sowie für Anwendungen mit hohen Anforderungen an Wiederholgenauigkeit und Kontaminationsschutz.
Kalibrierung und Wartung: Ein kurzer Hinweis
Sowohl Luftverdrängungspipetten als auch Verdrängungspipetten müssen regelmäßig kalibriert werden, um verlässliche Ergebnisse zu liefern. Die meisten modernen Geräte lassen sich ohne Werkzeug nachjustieren — Hersteller wie BRAND (Easy Calibration Technik), Sartorius und Eppendorf bieten entsprechende Systeme an.
Bei der Verdrängungspipette entfällt die Reinigung des Pipettierkanals, da jede Spitze inklusive Kolben einmalig verwendet wird. Das reduziert den Wartungsaufwand — erhöht allerdings den Verbrauch an Einwegspitzen, was bei der Kostenkalkulation zu berücksichtigen ist.
Fazit: Verdrängungspipette vs. Luftverdrängungspipette — klare Regeln
Der Unterschied zwischen Luftverdrängungs- und Verdrängungspipetten ist keine Frage von besser oder schlechter — es ist eine Frage der Anwendung.
Für die meisten wässrigen Standardproben bleibt die Luftverdrängungspipette das effizientere und kostengünstigere Werkzeug. Sobald aber viskose Flüssigkeiten, flüchtige Lösungsmittel, aerosol- oder kontaminationsempfindliche Proben ins Spiel kommen, liefert die Verdrängungspipette zuverlässigere Ergebnisse — unabhängig von der Pipettiertechnik des Nutzers.
Wer regelmäßig mit solchen Probentypen arbeitet, sollte die Verdrängungspipette nicht als Sonderlösung betrachten, sondern als gezieltes Werkzeug, das an genau dieser Stelle seine Stärken ausspielt.
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